Skandinavien als Zuflucht für jüdische Intellektuelle 1933-1945 – neue Veröffentlichung

von Izabela A. Dahl

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Mit dem Ende der Weimarer Republik und der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten brach im Deutschen Reich der Terror gegen Juden und Andersdenkende aus. Die jüdische Bevölkerung in Deutschland zählte 1933 ca. 530 000 Menschen. Jüdisch-Sein war durch das Bekenntnis zum israelitischen Glauben bzw. durch die Mitgliedschaft in einer jüdischen Gemeinde definiert. Mit den Nürnberger Gesetzen vom September 1935 wurden der jüdischen Glaubensgemeinschaft auch Personen zugerechnet, die nach nationalsozialistischen „Rassen“-Kriterien jüdischer Abstammung waren. Die sich schrittweise, aber rasant verschlechternden Lebensverhältnisse und die zunehmende Verfolgung haben Tausende Menschen zur Flucht gezwungen; außerhalb von Hitlers Macht- und Einflussbereich mussten sie den Versuch wagen, sich eine neue Existenz aufzubauen. Die betroffene Bevölkerungsgruppe war sehr heterogen, diejenigen, die ihr zugehörten, hatten außer der vom nationalsozialistischen Regime inkriminierten Abstammung vielfach untereinander keinerlei Berührungspunkte und Gemeinsamkeiten. Die Exilforschung rückte sie unter dem Begriff „jüdische Emigration“ ins Zentrum ihres Interesses.

Insgesamt wird die Zahl der jüdischen Emigrant_innen aus dem Deutschen Reich auf 278 500 geschätzt. Die wichtigsten Asylländer in den ersten Jahren nach 1933 waren die Nachbarländer des Deutschen Reichs: Frankreich, die TschechoslofSeewakei, die Schweiz, die Niederlande und Dänemark. Paris wurde zum wichtigsten kulturellen Zentrum der Emigrant_innen, die Führung der KPD verlegte ihren Sitz in die französische Hauptstadt, während der Exilvorstand der SPD nach Prag ging. Amsterdam spielte für die Exilpresse und das Verlagswesen eine herausragende Rolle. Nach dem „Anschluss“ Österreichs und der Besetzung der Tschechoslowakei suchten mehr und mehr Verfolgte in England, den  USA und Lateinamerika Zuflucht.  Die skandinavischen Länder nahmen, verglichen mit ihren europäischen Nachbarländern, nur wenige Menschen auf. Mit der Ausreise verbundene ökonomische und administrative Schwierigkeiten waren wesentlich dafür verantwortlich, dass viele Menschen der nationalsozialistischen Verfolgung nicht rechtzeitig entkommen konnten.

Auch politische Hindernisse, die den Jüd_innen von potenziellen Aufnahmeländern in den Weg gelegt wurden, hinderten viele an einem Fluchtversuch. Im Juli 1938 fand in Évian am französischen Ufer des Genfer Sees eine internationale Konferenz statt, die den Problemen der jüdischen Auswanderung aus Deutschland gewidmet war. Eingeladen hatte der amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt, gekommen waren Vertreter von 32 Staaten und vielen jüdischen Organisationen. Außer der Etablierung eines Intergovernmental Committee on Refugees  (IGC) mit Sitz in London und der vagen Zusicherung einiger Staaten, dass die bestehenden Einwanderungsquoten in Zukunft voll ausgeschöpft werden könnten, geschah jedoch nichts, was die Möglichkeiten der Jüd_innen, aus dem Deutschen Reich zu emigrieren, verbessert hätte.

Der mit der Emigration fast immer einhergehende Statusverlust war für viele sozial und beruflich Etablierte eine erschreckende Vorstellung, die für die Exilländer fehlende berufliche Qualifikation bedeutete eine zusätzliche Herausforderung. Der wichtigste Grund aber, weshalb sich viele deutsche Jüd_innen gegen die Auswanderung entschieden, war ihr Selbstverständnis: Sie sahen sich als Mitgestalter_innen und Teilhaber_innen der „deutschen Kulturnation“.

Die vor kurzem erschienene Anthologie widmet sich einem nur wenig erforschten Kapitel der Geschichtsschreibung: dem jüdischen intellektuellen Exil in Skandinavien. Die Publikation gliedert sich in drei Abschnitte, in denen Schweden, Dänemark und Norwegen im Fokus stehen. Jeder Abschnitt wird durch ein Überblickskapitel zur Situation in dem jeweiligen Land eingeleitet und anschließend verleihen einzelne biografische Porträts und Skizzen von jüdischen Intellektuellen, die sich zwischen 1933 und 1945 auf der Flucht vor nationalsozialistischer Verfolgung in Skandinavien befanden, eine individuelle Perspektive auf die Zeit der Verfolgung und Vernichtung sowie des erzwungenen Exils. Die Autor_innen kommen aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen, womit die Kontinuität der transdisziplinären Exilforschung in diesem Band fortgeschrieben ist.

Metropol 2014, ISBN: 978-3-86331-194-0