- 12.03.2026
- Kategorie Kulturgeschichte Politik / Gesellschaft
130 m2 norwegische Kulturgeschichte – die Dauerausstellung der norwegischen Nationalbibliothek
Gastbeitrag von Luise Markwort
Was haben Handschriften von Ibsen und Grieg, ein mittelalterliches Gesetzbuch, ein Black Metal-Album, eine Munch-Lithografie und ein Drehbuch für die Jugendserie SKAM gemeinsam? – Sie sind Teil der 30 Objekte, die in der Dauerausstellung der norwegischen Nationalbibliothek eine Geschichte darüber erzählen sollen, »wer wir sind und wo wir herkommen.«
Die Ausstellung Opplyst – Glimt fra en kulturhistorie (der deutsche Ausstellungskatalog übersetzt dies als Im Licht – Eindrücke aus unserer Kulturgeschichte) wird seit 2020 und voraussichtlich bis 2040 in der Nationalbibliothek in Oslo gezeigt und bildet eines der zentralen Aushängeschilder der Institution. Die Nationalbibliothek versteht sich als »Gedächtnis der Nation« (»nasjonens hukommelse«) und als »wichtigste Quelle für Wissen über Norwegen und norwegische Verhältnisse« (»den viktigaste kjelda til kunnskap om Noreg og norske forhold«). Als ihre zentrale Aufgabe sieht sie es, dieses Wissen an ein möglichst breites Publikum zu vermitteln und setzt neben der Dauerausstellung Opplyst sowie wechselnden temporären Ausstellungen und klassischeren Vortragsformaten auch auf Podcasts, Blogs, Videos und vielerlei kreative Angebote – allein in diesem Herbst konnte man sich im Gebäude am Solliplass im Rahmen des Handwerksfestivals Seemannstattoos stechen lassen und bei »Kjøtt med Magnus« alles über die Herstellung von Würsten, Pökelfleisch und Pasteten lernen.
Die Dauerausstellung Opplyst möchte einige der größten Schätze aus der Sammlung der Nationalbibliothek zugänglich machen und damit Kultur-, Medien- und Öffentlichkeitsgeschichte vermitteln. In der Ausstellung kann man unter anderem das älteste in Norwegen angefertigte Buch (den Kvikne-Psalter von ca. 1150-1200), die erste norwegische Zeitung (Norske Intelligenz-Seddeler von 1763), die erste kommerzielle norwegische Webseite (oslonett von 1994) sowie Flugblätter von 1871 bis 1994 (s. Abb. 1) sehen und auch Radionachrichten aus dem zweiten Weltkrieg anhören.

Die 30 ausgestellten Artefakte umspannen einen Zeitraum von nahezu tausend Jahren; die jüngsten Werke sind das Album Heisann Montebello (2015–-2017) vom Hiphop-Duo Karpe (2015–2017) und ein Skript für die dritte Staffel der Jugendserie SKAM (2016). Die ursprünglichen Pläne, einige der neueren Objekte auszutauschen, um die Ausstellung aktuell zu halten, wurden als zu aufwändig und teuer befunden, sodass nun doch alle Werke für die gesamte Laufzeit der Ausstellung gezeigt werden.
Das Nationale in der Nationalbibliothek
Mit wenigen Ausnahmen – eine dänische Bibel, die die Reformation und den Beginn der dänischen Herrschaft signalisiert, ein Brief von Charles Darwin an den Zoologen Georg Ossian Sars, Bilder von der britischen Südpolexpedition – sind alle ausgestellten Objekte in Norwegen oder von Norweger_innen angefertigt und publiziert worden. Dies ist nicht verwunderlich, schließlich ist eine Nationalbibliothek eine Institution, die nationale Kategorien reproduziert: Sie sammelt alles, was innerhalb des Gebiets des Nationalstaates, in der Nationalsprache bzw. den Nationalsprachen und von Angehörigen der Nation publiziert wird, sodass sie auswählt, welche Werke und Sprachen zur Nation gehören. Dass dies aber hinsichtlich historischer Grenzverschiebungen und Minderheiten kompliziert ist, zeigen etwa die andauernden Konflikte über jene mittelalterlichen Handschriften in der Sammlung der dänischen Nationalbibliothek, auf die auch Island und in geringerem Maße Norwegen Anspruch erheben.
Die in Opplyst ausgestellten Objekte entsprechen nahezu alle dieser sehr engen nationalen Kategorie, sodass man den Eindruck gewinnt, dass norwegische Kultur ausschließlich durch Werke aus Norwegen und von Norweger_innen geprägt wurde. Haben etwa Holbergs Dramen, schwedische Kinderbücher und amerikanische Massenmedien, die auch alle in die Sammlung der Nationalbibliothek eingehen, keine Spuren hinterlassen? Ist Norwegen nicht ein Teil Skandinaviens, Europas und der Welt?
Nationale Geschichtsschreibung nach bekannten Mustern
Die Version norwegischer Kulturgeschichte, die in Opplyst präsentiert wird, ist gut etabliert und bekannt: Es wird eine Kontinuität zwischen den mittelalterlichen Königreichen und dem modernen norwegischen Nationalstaat konstruiert, wobei die dänische und schwedische Fremdherrschaft als firehundreårsnatten (dt. 400-jährige Nacht) größtenteils ausgeblendet wird.
Wenn man untersucht, wann die ausgestellten Medien publiziert wurden, erkennt man, dass nicht alle Perioden gleichmäßig repräsentiert sind: vier von 30 Werken stammen aus der Zeit unter dänischer Herrschaft, elf aus der Zeit der norwegisch-schwedischen Union und zwölf Werke aus der Zeit des unabhängigen Norwegens, davon sind sechs nach dem Zweiten Weltkrieg und wiederum nur zwei im 21. Jahrhundert veröffentlicht worden.

Diese zeitliche Verteilung kann man teilweise mit Veränderungen in der Geschichte und Sammlungspraxis der Nationalbibliothek und der Medienlandschaft begründen: Dass etwa wenig mittelalterliche Werke ausgestellt sind, liegt daran, dass sie in geringerer Anzahl produziert wurden und nur wenig Werke erhalten sind. Des Weiteren befinden sich viele mittelalterliche Handschriften bislang in der königlichen Bibliothek in Kopenhagen, die bis 1814 alle Publikationen aus Norwegen sammelte. Nach Ende der dänischen Herrschaft übernahm diese Aufgabe die Bibliothek der Universität in Oslo, aus der 1999 die norwegische Nationalbibliothek hervorging.
Darüber hinaus hing Norwegen mit der Medienproduktion lange hinterher: Die erste Druckerei wurde erst 1643 eröffnet, und 1815 gab es in Norwegen nur acht Druckereien.1 Auch eine bürgerliche Öffentlichkeit entwickelte sich in Norwegen erst im 19. Jahrhundert. Zwischen 1840 und 1883 stieg die Anzahl der Druckereien in Norwegen von 28 auf 110, und 1884 begann die de facto Nationalbibliothek auch Tageszeitungen und kleine Drucke (Flugblätter, Aushänge) zu sammeln.2 Allerdings stieg die Medienproduktion und der Sammlungsumfang im 20. Jahrhundert noch deutlich stärker – zwischen 1940 und 1980 hatte sich die Informationsmenge in Norwegen ca. alle zehn Jahre verdoppelt.3 Dieser Medienboom spiegelt sich jedoch nicht in der Anzahl ausgestellter Werke wider. Stattdessen liegt ein großer zeitlicher Fokus auf der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und somit der Nationalromantik.
Nationalromantisch wie eh und je
Die Bedeutung der Nationalromantik für Norwegen ist unumstritten. In dieser Zeit entstand die Vorstellung einer uralten Kultur, die von dänischer und schwedischer Hegemonie unberührt und authentisch norwegisch sei, und daraus hervorgehend eine norwegische Schriftsprache (Ivar Aasen), norwegische Dichtung (Henrik Wergeland, P.C. Asbjørnsen und Jørgen Moe, Bjørnstjerne Bjørnson, Henrik Ibsen), norwegische Malerkunst (Adolph Tidemand und Hans Gude, Erik Werenskiold, Theodor Kittelsen) und Musik (Edvard Grieg). Viele dieser großen Namen und Werke sind in Opplyst wiederzufinden; hervorheben möchte ich zwei Werke, die bald zur Volkslektüre wurden: Asbjørnsen und Moes Folkeeventyr (1883-1887), illustriert von Theodor Kittelsen, Erik Werenskiold und Otto Sinding, die Besuchende beim Betreten des Ausstellungsraumes begrüßen, und Snorres Kongesagaer (1899), eine Neuübersetzung der Heimskringla mit Illustrationen von u.a. Christian Krohg, Erik Werenskiold, und Halfdan Egedius.


Diese Werke wurden zwar während der norwegisch-schwedischen Union publiziert, aber dieser Umstand wird von den Ausstellungstexten und den Werken selbst kaum thematisiert. Schweden wird nur zweimal erwähnt: bei einem Plakat des Grundgesetzes von 1814, das die Unabhängigkeit Norwegens während der Union symbolisiert, und bei Stimmzetteln von der Volksabstimmung zur Monarchie im Jahr 1905, die das Ende der Union und die Unabhängigkeit markieren. Alle Hinweise auf eine gemeinsame schwedisch-norwegische Kultur, oder auch eine dänisch-norwegische – man denke etwa an Ludvig Holbergs Dramen – sind absent.
Wer ist »wir«?
Durch den starken nationalromantischen Fokus werden in der Ausstellung nationalistische Vorstellungen reproduziert. Die Fragen »Wer sind wir?« und »Wo kommen wir her?« werden im 21. Jahrhundert genauso beantwortet wie im 19.: »Wir« haben eine uralte Kultur, »wir« stammen von heroischen Wikingern und Königen ab. Personen, deren Familien erst seit wenigen Generationen in Norwegen leben, haben keinen Anteil an dieser vermeintlich gemeinsamen nationalen Geschichte; der Vergangenheitsfokus wirkt als Exklusionsmechanismus.
Die moderne norwegische, durch Migration geprägte Gesellschaft wird durch nur ein Werk repräsentiert: Karpes Heisann Montebello. Die Rapper erscheinen hier, wie so oft in ihrer Karriere,4 als poster boys eines multikulturellen und toleranten Norwegens. Werke von Sámi oder Angehörigen der nationalen Minderheiten gibt es in Opplyst nicht. Zwar ist ein Plakat eines nicht-sámischen Künstlers (Arvid Sveen) zum Alta-Konflikt ausgestellt, anhand dessen die Situation der Sámi thematisiert wird, allerdings erfolgt diese Darstellung auf die gleiche umarmende und beschönigende Art und Weise, die die Darstellung norwegisch-samischer Geschichte von Seiten des norwegischen Staates so oft prägt: Die unterdrückende Assimilations- bzw. Norwegisierungspolitik wird nur in einem kurzen Beisatz erwähnt und der Alta-Konflikt markiert das vermeintliche Ende jeglicher Diskriminierung der Sámi.
Auch Frauen sind in der Ausstellung unterrepräsentiert: Von 30 Werken haben nur fünf eine weibliche Urheberin. Zu sehen sind Dorothe Engelbretsdatters Psalmensammlung Siælens Sang-Offer (1678), die Zeitschrift Nylænde (1888) der norwegischen Frauenvereinigung, herausgegeben von Gina Krog, Camilla Colletts handgeschriebene Zeitschrift Forloren Skildpadde (1837), Hulda Garborgs Kochbuch Heimestell (1899) und Julie Andems SKAM (2015–-2017). Anhand dieser Werke wird die Frauenbewegung thematisiert, und die dritte Staffel SKAM deckt auch das Themenfeld Jugendkultur und Homosexualität ab.
Leicht verdauliche Kulturgeschichte
Opplyst präsentiert eine geglättete Version norwegischer Geschichte: Der Zweite Weltkrieg wird zwar thematisiert, aber ohne jegliche Erwähnung von Nazi-Kollaborateuren wie Vidkun Quisling, und bei dem Plakat des Grundgesetzes von 1814 übersieht der Ausstellungstext geschickt den zweiten Paragraphen, der zwischen 1814 und 1851 Juden und anderen religiösen Gruppen den Zugang zum Reich verwehrte.
Die Nationalbibliothek möchte sich in der Ausstellung nicht kritisch mit Geschichtsschreibung auseinandersetzen oder sonstige Gesellschaftskritik ausüben. Dabei tragen einige der ausgestellten Werke eine solche Kritik in sich, allerdings wird diese in der Ausstellung nur eingeschränkt wiedergegeben. So bezeichnet der Ausstellungstext Karpes Heisann Montebello als politisch, ohne darauf einzugehen, was das Album politisch macht. (Aus dem Text erfährt man nur, dass die Rapper Justizminister Anders Anundsen als Feigling bezeichneten, aber der Kontext – die Abschiebung von Kindern von Asylantragsstellenden – wird nicht dargestellt.) Die sehr deutliche Kritik an Rassismus, Islamfeindlichkeit und Ausbeutung von Migrant_innen in der norwegischen Gesellschaft, die das Album kennzeichnet, wird nicht erwähnt und ist nur so für diejenigen nachzuvollziehen, denen das Werk bekannt ist.
Karpe und SKAM gleichgestellt mit Ibsen und Grieg
Dies ist eine zentrale Eigenschaft der Ausstellung: Sie baut darauf, dass Besuchende einen Großteil der Werke bereits kennen, und lässt dadurch viel Platz für eigene Assoziationen und Deutungen. Obwohl sie in der Darstellung der Ausstellungsobjekte bestimmte Lesarten suggeriert, ist die Nationalbibliothek bemüht, nicht als wertende Instanz aufzutreten, die vorgibt, wie etwas zu deuten oder beurteilen ist.
Das zeigt sich auch im Ausstellungsdesign: Die Vitrinen sind scheinbar frei im Raum verteilt, ohne klare Reihenfolge, Chronologie oder Hierarchie. Ein Black Metal-Album Seite an Seite mit Griegs Klavierkonzert, illustriert das breite Kulturverständnis der Ausstellung. Werke der Pop-, Jugend- oder Subkultur werden gleichgestellt mit Werken der Hochkultur und des Kanons – SKAM wird scheinbar die gleiche Bedeutung zugeschrieben wie Et Dukkehjem, Karpe erscheinen als gleich bedeutsam wie Asbjørnsen und Moe, Grieg, Ibsen oder Munch.

Ein norwegischer Kulturkanon?
Auch wenn der Direktor der Nationalbibliothek Opplyst bei der Ausstellungseröffnung mit dem »alleroffiziellsten norwegischen Kulturerbe« (»den aller mest offisielle norske kulturarven«) gleichsetzte,5 ist die Nationalbibliothek sonst eher vorsichtig mit solchen Bezeichnungen und betont, dass es sich bei den präsentierten Artefakten lediglich um eine Auswahl handle. Der Leittext im Katalog spricht nicht von »den wichtigsten Objekten«, sondern beschreibt »einige einzigartige, spektakuläre und bedeutende Objekte der norwegischen Kulturgeschichte« (»noen av norsk kulturhistories unike, spektakulære og betydningsfulle objekter«). Opplyst soll explizit kein Kulturkanon sein.
Mit Blick auf den im September 2025 veröffentlichten schwedischen Kulturkanon ist die Frage eines norwegischen Kulturkanons relevant geworden. Der schwedische Kulturkanon, eine Liste der 100 wichtigsten Werke schwedischer Kultur, soll der schwedischen Gesellschaft im Allgemeinen und Migrant_innen im Besonderen einen gemeinsamen kulturellen Referenzrahmen und eine Richtschnur bieten. Das schwedische Kanonprojekt war von Anfang an äußerst umstritten und wurde als Angriff auf die Unabhängigkeit der Kultur vonseiten der Politik kritisiert.6 Dennoch hat die norwegische Høyre-Partei im November einen staatlichen Kulturkanon für Norwegen gefordert.
Forderungen nach einem norwegischen Kulturkanon hatte es bereits 2006 in Folge der Veröffentlichung des dänischen Kulturkanons gegeben, und nochmals 2017, jedoch kamen sie nicht weit. Damals wie heute lehnen norwegische Kulturinstitutionen und -persönlichkeiten einen Kulturkanon ab, und auch der aktuelle Antrag konnte am 3. März im Storting keine Mehrheit gewinnen.
Opplyst und das schwedische Vorbild zeigen uns, wie ein norwegischer Kulturkanon aussehen könnte: Er wird nationalistische Vorstellungen reproduzieren und Minderheiten und Frauen nur sehr eingeschränkt repräsentieren.
Luise Markwort hat im Herbst den Masterstudiengang Kultur Interkulturalität Literatur mit Schwerpunkt Skandinavistik der Universität Greifswald erfolgreich abgeschlossen und ist seit März 2026 Projektmitarbeiterin im FID Nordeuropa.
Literaturverzeichnis:
Harding, Tobias (2025): Kanon som politiserat kulturellt minne: Diskussionen om en statlig svensk kulturkanon, Nordisk Kulturpolitisk Tidsskrift 28:1, S. 22–40.
Nasjonalbiblioteket: Opplyst – Glimt fra en kulturhistorie, Oslo 2020. [Ausstellungskatalog bokmål]
Nasjonalbiblioteket: Opplyst. Im Licht – Eindrücke aus unserer Kulturgeschichte, Oslo 2020. [Ausstellungskatalog deutsch]
Takle, Marianne (2009): Det nasjonale i Nasjonalbiblioteket, Novus, Oslo.
Sandve, Birgitte (2015): Unwrapping ›Norwegianness‹: Politics of Difference in Karpe Diem, Popular Music 34:1, S. 45–66.
Diese Liste bietet einen Überblick über alle Ausstellungsobjekte mit Links zu ihren Digitalisaten.
Fußnoten
- Vgl. Takle 2009, S. 45. ↩︎
- Vgl. ebd., S. 51-57. ↩︎
- Vgl. ebd., S. 72. ↩︎
- Vgl. Sandve 2015. ↩︎
- Aslak Sira Myhre am 27. Februar 2020. Zu sehen ist der Moment in Agri & m1k3 (Regie): MIKE I CORONA-KARANTENE (KARPE, DIGG MAT OG STÆGER BÆDER), https://youtu.be/S4wOMwoxsDQ?t=201, 22. März 2020, 3:24-3:34. ↩︎
- Vgl. Harding 2025. ↩︎