Umeå Littfest 2026 – Zwanzig Jahre Literaturfestival im Norden Schwedens

von NORDfor

Gastbeitrag von Amely Blum

Foto: Amely Blum

Das internationale Littfest in der schwedischen Stadt Umeå fand vom 12. bis zum 14.03.2026 statt und feierte dieses Jahr sein 20. Jubiläum. Es versteht sich von Beginn an als Gegenreaktion zur kommerziellen Dominanz der Buchmesse in Göteborg – der größten Literaturveranstaltung Schwedens – und als alternativer Raum für Literatur und Diskussion. Damit steht das Festival exemplarisch für eine zentrale Frage der Gegenwart: Wie können kulturelle Veranstaltungen relevant und sichtbar bleiben, ohne von Kommerzialisierung überlagert zu werden? Oder anders gefragt: Was macht das Littfest zu einem besonderen Ort für Literaturliebhaber*innen und Literaturschaffende?

International ausgerichtet – lokal verankert

Das Littfest ist ein gemütliches Literaturfestival, das seit 2010 im Folkets hus in Umeå stattfindet. Das Festival ist vor allem lokal, aber auch international ausgerichtet, mit Gästen aus aller Welt, wie dieses Jahr beispielsweise Sofi Oksanen aus Finnland und Natalie Diaz, einer Mojave-amerikanischen Poetin aus den USA. In den vorangegangenen Jahren waren auch andere große Namen aus der internationalen Literaturszene, wie z. B. die südkoreanische Schriftstellerin Han Kang, unter den Teilnehmenden vertreten.

Trotz dieser internationalen Ausrichtung liegt der Fokus klar auf der lokalen Literatur, mit Autor*innen wie beispielsweise Annika Norlin und Lilian Ryd: »Niemand im Norden Schwedens soll nach Süden reisen müssen, um an literarischen Veranstaltungen teilzunehmen. Das Littfest existiert, um den nordischen Perspektiven eine Stimme und einen Raum zu geben und um das Gespräch über Literatur unter eigenen Bedingungen voranzubringen«, so wird es im einleitenden Artikel des diesjährigen Programms beschrieben.

Dieser Anspruch wird auch vor Ort spürbar. Ein Beispiel ist der Programmpunkt Stjärnbilder i Sápmi (Sternbilder in Sápmi), in dem Lilian Ryd mit der Autorin Elin Anna Labba über ihr neuveröffentlichtes Buch Den samiska stjärnhimlen (Der samische Sternenhimmel) spricht. Das Werk basiert auf dem zuvor nicht fertiggestellten Buch ihres 2012 verstorbenen Bruders, des Autors Yngve Ryd. Diese Veranstaltung stellt einen der Programmpunkte dar, in denen regionale Perspektiven und Geschichten im Zentrum stehen – und verdeutlicht damit den inhaltlichen Anspruch des Festivals.

Aber auch viele der internationalen Veranstaltungen sind thematisch verknüpft mit den lokalen Gesichtspunkten – indigene Perspektiven werden auch dort vielmals in den Fokus gerückt, wie z.B. im Gespräch über Natalie Diaz Gedichtsammlung Postcolonial Love Poem, dass nun aus dem Englischen von der Poetin und Übersetzerin Athena Farrokhzad ins Schwedische übersetzt wurde. Die Sammlung diskutiert unter anderem Körper, Widerstand, Queerness und die Macht der Sprache. Nach ihrem gemeinsamen Programmpunkt standen Diaz und Farrokhzad am Samstagabend sogar zusammen auf der Bühne, um einige der besprochenen Gedichte in Englisch und Schwedisch für das Publikum vorzutragen.

Gerade hier zeigt sich eine der großen Stärken von Literaturfestivals: Sie machen Literatur zu einem kollektiven Erlebnis. Sie schaffen Räume, in denen Lesen und Schreiben nicht isoliert stattfinden, sondern als gemeinschaftlicher Austausch erlebt werden können. Besucher*innen treffen auf Autor*innen, erleben Poesie als gesprochenes Wort, spontane Diskussionen entstehen und Literatur wird als lebendige Praxis erfahrbar.

Festivalisierung und ihre Risiken

Gleichzeitig bringt genau diese Form der »Festivalisierung« auch Herausforderungen mit sich. »Festivalisierung kann dazu führen, dass der Veranstaltungsort wichtiger wird als der Inhalt«, so formuliert es Ludvig Berggren, literaturpolitischer Fachreferent des Schwedischen Schriftstellerverbandes und Moderator des Programmpunktes Spelar kulturen någon roll? (Spielt Kultur eigentlich eine Rolle?). Dieser Programmpunkt gehört zu den Veranstaltungen, die das Erwachsenenprogramm des Littfest eröffneten. Im Gespräch ging es um den Wert von Kultur und aktuelle Entwicklungen innerhalb der schwedischen Kulturpolitik.

Genau hier entsteht ein Spannungsfeld: Während Festivals einerseits Sichtbarkeit, Austausch und Gemeinschaft ermöglichen, besteht andererseits die Gefahr, dass sie sich selbst – als Event – in den Vordergrund stellen. Vor diesem Hintergrund stellt sich die zentrale Frage: Wie kann ein Literaturfestival dieses Bedürfnis nach kulturellem Austausch unterstützen, ohne selbst von Kommerzialisierung und Eventlogik dominiert zu werden?

Das Littfest in Umeå versucht, auf diese Frage konkrete Antworten zu geben. Es wird von dem 2010 gegründeten Kulturverein Föreningen Littfest veranstaltet, dessen Hauptaufgabe laut Vereinsordnung die jährliche Durchführung des Festivals sowie weiterer literaturbezogener Veranstaltungen ist. Im Gegensatz zu einer Buchmesse steht dabei nicht der Verkauf, sondern die Diskussion, Darstellung und Verbreitung literarischer Inhalte im Vordergrund. Hier muss angemerkt werden, dass Buchmessen und Festivals von Grund auf andere Funktionen haben: Buchmessen sind, wie auch Literaturfestivals, Plätze des kulturellen Austausches, jedoch hat dieser Punkt dort einen beigeordneten Stellenwert welcher durch Autor*innenvorträge, Literaturdiskussionen und Würdigungen, wie z.B. Preisverleihungen, bedient wird. Sie fungieren vor allem als zentraler Treffpunkt der Buch- und Medienbranche und dienen unter anderem dem Lizenzhandel und Branchen-Networking. Literaturfestivals stellen also eine alternative Veranstaltung dar, bei welcher der Fokus auf der Begegnung zwischen Leser*innen und Autor*innen, sowie dem literarischen Diskurs, liegt.

Diese Ausrichtung auf kulturellen Austausch zeigt sich im Festivalalltag: In den Pausen wird auf den Gängen angeregt diskutiert, und einige der auftretenden Autor*innen mischen sich unter die Besucher*innen. Dadurch entsteht ein Raum des Austauschs auf Augenhöhe, der die Distanz zwischen Publikum und Literaturschaffenden verringert.

Zudem übernehmen Autor*innen selbst verschiedene Rollen im Programm. So wirkt etwa Annika Norlin nicht nur als Autorin, sondern auch als Moderatorin im Gespräch mit der kanadischen Autorin Gabriele Filteau-Chiba mit. Das Festival schafft damit eine offene Struktur, in der Literaturschaffende aktiv an der Gestaltung beteiligt sind – einen Raum den sie nach eigenen Ansprüchen als Plattform nutzen können.

Ein besonders wichtiger Aspekt im Umgang mit Festivalisierung ist der bewusste Verzicht auf Wachstum. Obwohl das Littfest seit 2014 jedes Jahr ausverkauft ist, soll es nicht weiter expandieren: »Wachstum um des Wachstums willen kann einem gelungenen Projekt sogar schaden«, sagt Erik Jonsson, Festivalveranstalter des Littfests, in einem Gespräch mit Sveriges Radio (Radio Schweden). Die Entscheidung gegen Expansion ist eine gezielte Maßnahme, um der zunehmenden Kommerzialisierung entgegenzuwirken. »Unser Ziel ist es, einen Ort zu schaffen, an dem Literatur und Gespräche im Mittelpunkt stehen – nicht die Logik des Verkaufs«, so Jonsson.

Das Littfest Umeå als unprätentiöser Treffpunkt

Auch die Anerkennung innerhalb der Branche unterstreicht diese besondere Position: Im Jahr 2025 erhielt das Umeå Littfest den Ehrenpreis der schwedischen Verlegervereinigung. Der Preis wird seit 2018 jährlich vergeben, um Personen oder Organisationen auszuzeichnen, die sich aktiv für die schwedische Literatur und Verlagsbranche einsetzen. In der Begründung heißt es: »Sie werden ausgezeichnet, weil sie einen unprätentiösen Treffpunkt geschaffen haben, an dem Literatur lebendig wird«.

Dies verdeutlicht, dass das Littfest nicht nur als Festival, sondern als kultureller Raum wahrgenommen wird, der bewusst versucht, die Vorteile von Festivalisierung – Austausch, Sichtbarkeit und Gemeinschaft – zu nutzen, ohne deren Risiken – Kommerzialisierung und Eventisierung – aktiv zu übernehmen.

Das Littfest in Umeå ist somit ein Ort, an dem das Gespräch über Literatur wichtiger ist als ihr Verkauf. Ein Ort, an dem Autor*innen und Literaturbegeisterte miteinander in Dialog treten können und an dem die Inhalte und Themen der Werke im Vordergrund stehen – nicht das Event selbst. Gleichzeitig zeigt es, dass Literaturfestivals besonders relevant werden, wenn sie sich ihrer eigenen Widersprüche bewusst sind – und aktiv versuchen, ihnen entgegenzuwirken. 

Amely Blum ist studentische Hilfskraft am Lehrstuhl Kulturwissenschaft des Nordeuropa-Instituts der Humboldt-Universität zu Berlin, an welcher sie Erwachsenenbildung im Master studiert und Skandinavistik und Anglistik im Bachelor studiert hat; amely.blum@hu-berlin.de.